Anwaltliches BerufsrechtEin Angebot von Rudolph Rechtsanwälte

Rudolph Rechtsanwälte · Nürnberg
Kontakt zur Kanzlei

Editorial · KI und Anwaltsberuf

Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Diese Website schon.

Diese Website ist an einem einzigen Tag entstanden.

Möglich wurde das durch eine Entwicklung der künstlichen Intelligenz, deren Tempo selbst diejenigen überrascht, die sich seit Jahren mit KI beschäftigen. Aus Programmen, die Fragen beantworten und Texte entwerfen, werden Systeme, denen sich ganze Arbeitsabläufe übertragen lassen. Es ist nicht zu unterschätzen, wie tiefgreifend diese Entwicklung das Berufsbild verändern wird.

Die öffentliche Diskussion hält mit dieser Entwicklung nur mühsam Schritt. Während Anwälte und Journalisten noch über Halluzinationen und die Verlässlichkeit einzelner Antworten streiten, ist die technische Entwicklung dieser Debatte längst davongelaufen. KI bearbeitet Dokumente, bedient Programme und führt mehrere Arbeitsschritte zusammen. Die pubertierenden Halluzinierer von gestern sind – zumindest in den aktuell leistungsfähigsten Modellen – zu verlässlichen Maschinen-Lektoren und Co-Autoren gereift. Neben die Diskussion um die Qualität einer einzelnen Antwort tritt damit eine weitere Frage: Wie viel von einer Aufgabe lässt sich einem solchen System anvertrauen, und wo bleiben menschliches Urteil und Kontrolle erforderlich?

Für dieses Projekt habe ich vor allem mit ChatGPT 6 Astra, dem am 3. September 2026 veröffentlichten Modell von OpenAI, gearbeitet. Es zeigt besonders eindrucksvoll, wie weit diese Entwicklung inzwischen reicht. Ob es einmal als Meilenstein in die Geschichte der künstlichen Intelligenz eingehen wird, kann heute niemand mit Sicherheit sagen. Ich halte es jedenfalls für eine Zäsur.

Zwei Tage zuvor, am 1. September 2026, hatte Anthropic mit Claude Fable 5.1 vorgelegt. Nach meinen bisherigen Erfahrungen erreicht dieses Modell bei juristischen Texten eine Präzision, die noch vor kurzer Zeit kaum vorstellbar erschien. Claude wirkt sprachlich gelegentlich etwas eleganter. Dafür zeigt GPT Astra besonders eindrucksvoll, was geschieht, wenn künstliche Intelligenz nicht mehr nur Texte erzeugt, sondern selbst am Computer tätig werden kann.

Damit verändert sich die Größenordnung dessen, was ein einzelner Mensch an einem Tag leisten kann.

ChatGPT Astra kann beispielsweise bei einem Provider eine geeignete Domain suchen, die Registrierung vorbereiten, das Hosting einrichten, ein vollständiges Internetportal aufbauen, Inhalte einpflegen, technische Fehler suchen und die fertige Seite im Browser testen. Tätigkeiten, für die man früher Stunden gebraucht oder teure Spezialisten beauftragt hätte. Heute genügt ein klar formulierter Auftrag – verbunden mit menschlicher Kontrolle und Kreativität an den entscheidenden Stellen.

Auch die Arbeit mit lokalen Datenbeständen verändert sich grundlegend. Claude Cowork und vergleichbare Desktop- und Computer-Use-Funktionen können mit den vom Nutzer freigegebenen Dateien, Ordnern und Anwendungen arbeiten. Sie lesen Dokumente, ordnen Material, erstellen neue Dateien und führen mehrstufige Arbeitsaufträge aus.

Natürlich geschieht das nicht ohne Risiko. Als Rechtsanwalt muss man mit vertraulichen Daten äußerst verantwortungsvoll umgehen. Ich bearbeite solche experimentellen Projekte deshalb ausschließlich auf einem gesonderten Laptop, der von den Kanzleidaten getrennt ist.

Auf diesem Laptop befanden sich zahlreiche Notizen, die ich in den vergangenen Jahren zum anwaltlichen Berufsrecht angefertigt hatte – ganz ohne berufliche Erfahrung und menschliches Engagement geht es also nicht. Ein Teil des Materials geht auf ein Seminar zurück, das ich gemeinsam mit Privatdozent Dr. Oliver Gerson im Zuge der Einführung des § 43f BRAO konzipiert hatte. Seit Einführung dieser Vorschrift im Jahr 2022 müssen neu zugelassene Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte innerhalb ihres ersten Berufsjahres an einer mindestens zehnstündigen Lehrveranstaltung über die wesentlichen Bereiche des anwaltlichen Berufsrechts teilnehmen.

Speziell mit den berufsrechtlichen und praktischen Fragen künstlicher Intelligenz hatte ich mich außerdem bei der Vorbereitung einer weiteren Veranstaltung beschäftigt. Gemeinsam mit dem renommierten Strafrechtler Prof. Dr. Robert Esser von der Universität Passau hatte ich für die FAU Academy der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg das Fachseminar „Potentiale der Strafverteidigung: Aktuelle Herausforderungen auf nationaler und internationaler Ebene“ konzipiert. Das für den 21. November 2025 angesetzte Seminar sollte aktuelle Entwicklungen praxisnah beleuchten, dabei auch die Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz im Verteidigeralltag.

Robert war ein von mir hochgeschätzter und international angesehener Strafrechtsexperte, der keine Berührungsängste mit Strafverteidigern hatte. Am 19. November 2025, nur zwei Tage vor der geplanten Durchführung, verstarb Robert Esser völlig überraschend.

Die Materialien blieben zurück: Entwürfe, Notizen, Gliederungen, Quellen, einzelne Gedanken und zahlreiche noch nicht ausgearbeitete Ansätze.

Mit früheren KI-Modellen hätte man dieses Material zwar zusammenfassen oder sprachlich überarbeiten können. Die neuen Systeme vermögen wesentlich mehr. Sie können größere Materialbestände strukturieren, fehlende Zusammenhänge erkennen, aktuelle Quellen ergänzen, Widersprüche aufdecken, aus den Ergebnissen ein redaktionelles Konzept entwickeln und dieses schließlich auch technisch in eine funktionsfähige Website umsetzen.

So ist diese Seite entstanden.

Ich habe verschiedene Modelle mit unterschiedlichen Aufgaben betraut und sie teilweise miteinander, teilweise gegeneinander arbeiten lassen. Ein Modell strukturierte das Material. Ein anderes überprüfte die Argumentation. Ein weiteres suchte nach Fehlern, Lücken und unbelegten Behauptungen. Andere Systeme wurden mit der Entwicklung von Gegenpositionen beauftragt. Die Ergebnisse wurden anschließend kontrolliert, verglichen, verworfen, verändert und zusammengeführt.

Das setzt Erfahrung im Umgang mit KI voraus und die Bereitschaft, sich auf deren „Gedankenwelt“ und Arbeitsweise einzulassen. Man muss ein Fingerspitzengefühl dafür entwickeln, welches Modell für welche Aufgabe geeignet ist. Und man muss am Ende selbst entscheiden, welche Gedanken wichtig sind, welche Formulierung der eigenen Haltung entspricht und an welchen Stellen die Maschine in die falsche Richtung läuft.

Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit können Sie auf dieser Website nachlesen.

Sind das nun KI-generierte Texte? Oder sind es meine Texte?

Die Frage lässt sich nicht mit einem einfachen Entweder-oder beantworten.

Die Ausgangsgedanken stammen von mir. Die Notizen stammen von mir. Die Auswahl der Themen, die Fragestellungen, die Wertungen und die redaktionellen Entscheidungen stammen von mir. Einen erheblichen Teil der Recherche, Strukturierung, Formulierung und technischen Umsetzung hat jedoch die künstliche Intelligenz übernommen.

Man könnte das Ergebnis ein Hybridwerk nennen. Im Silicon Valley spricht man vom Centaurus: einem Wesen, halb Mensch, halb Nicht-Mensch. Der Mensch gibt Richtung, Urteil und Verantwortung. Die Maschine trägt Last, Tempo und Reichweite. Der Centaur ist weder reiner Autor noch bloßes Werkzeug. Durch den richtigen Einsatz wird KI dadurch vom Werkzeug zum Instrument. Vom Schraubenzieher zur Meister-Geige.

Ich werde nicht jeden einzelnen Text (anders als Bilder) als maschinen-generiert kennzeichnen – schon weil ich oft selbst nicht mehr weiß, welche Formulierung eigentlich von wem stammt. Damit halte ich mich an Art. 50 Abs. 4 der europäischen KI-Verordnung, die für redaktionell kontrollierte Inhalte, für die eine natürliche oder juristische Person die Verantwortung übernimmt, eine Ausnahme von der Offenlegungspflicht vorsieht.

Künstliche Intelligenz macht das menschliche Denken nicht überflüssig. Aber sie verändert radikal, was ein einzelner Mensch aus seinen Gedanken machen kann – und in welcher Zeit.

Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.
Diese Website schon.

Sie soll am Beispiel des Berufsrechts den Juristen – und speziell der Anwaltschaft – die Augen dafür öffnen, was uns in Zukunft bevorsteht.

Oder genauer:
Was längst begonnen hat.

← Alle Beiträge